DAS FESTIVAL UND AKTUELLES

Die 19. Architekturtage
Vom 27. September bis zum 31. Oktober 2019

Die Architekturtage finden dieses Jahr zum 19. Mal statt und setzen sich mit dem Thema “Transitions I Übergänge” auseinander.

So schaffen Übergänge im Raum eine Verbindung zwischen Innen- und Außenraum, zwischen Licht und Schatten. Auf diese Weise erleichtern Übergänge das Hin- und Herwechseln zwischen den unterschiedlichen Bereichen und markieren zugleich eine Trennung von Räumen wie der intimen Privatsphäre und der Öffentlichkeit oder zwischen der Stadt und ihren Vororten.

Ein Übergang kann auch zeitlicher Natur sein. In diesem Sinne wird sich das Festival mit der Umnutzung von Gebäuden, der Neugestaltung von Stadtvierteln und natürlich auch mit dem ökologischen Wandel und der Energiewende auseinandersetzen. Bei den Architekturtagen 2019 werden auch Übergänge im Privaten einbezogen: zwischen verschiedenen Lebensphasen oder hin zu neuen Lebensformen.

Zahlreiche Bauten und Orte stehen symbolisch für solche Übergänge. Während des Festivals werden wir unter anderem Brücken, Grenzposten, Friedhöfe und Entbindungshäuser entdecken. Durch Spaziergänge in der Dämmerung können die Besucher die Grenze zwischen Tag und Nacht überschreiten und so den Übergang zwischen beiden Phasen erleben.

Performances, Besichtigungen, Kino, Radtouren, Podiumsdiskussionen, Spaziergänge, Workshops, Fortbildungen, Vorträge, Kinder-Workshops und Events… eine ganze Bandbreite an Veranstaltungen rund um Architektur mit Bezug zu Übergänge.

Die Highlights

Eröffnungsabend
27. September – Schiltigheim
Anupama Kundoo – Wissen bauen, Gemeinschaft bauen sozial, ökologisch und wirtschaftlich nachhaltige Architektur

Architektur mit kleinem ökologischen Fußabdruck und großer sozialer Ader

„Indem wir Gemeinschaften helfen, eine Reihe von einfachen Bauteilen selbst zu erstellen, können wir Wissen aufbauen und das Wohnen für die Menschen wieder erschwinglich machen. (…) Wir können es uns nicht leisten, weiter so zu bauen wie bisher“ Anupama Kundoo

Urbanisierung, Bevölkerungswachstum, Flucht, Globalisierung, soziale Segregation,
Armut: Anupama Kundoo sucht nach visionären Lösungen für die großen Fragen
unserer Zeit – nicht um der Innovation selbst willen, sondern mit dem Ziel, Antworten
auf die Frage zu finden, um die sich alles dreht: „Wie wird das urbane Zusammenleben
der Zukunft aussehen, welches Gesicht wird die Stadt von morgen haben?“ Kundoo
sieht das Bauen als sinnlichen Vorgang, der Wissen und Gemeinschaft stärkt, und hat
es sich zum Ziel gemacht, Architektur mit möglichst geringem ökologischen
Fußabdruck zu schaffen.

Kundoo wurde 1967 in Pune (Indien) geboren und studierte im indischen Mumbai sowie an der TU Berlin, wo sie 2008 promovierte. Ende der 1980er Jahre zog Kundoo ins südindische Auroville, eine Stadt, die sich als Labor für die Zukunft der Menschheit versteht und in der alternative Formen des urbanen Zusammenlebens erprobt werden. Der Denkansatz von Auroville spiegelt sich auch in Kundoos architektonischem Schaffen wider, das sie 1990 aufnahm. Die Arbeit der international anerkannten Architektin geht über Architektur im engen Sinne hinaus und umfasst auch Städteplanung und Wohnprojekte.

Im Vordergrund stehen für Kundoo stets Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Ihre oberste Prämisse ist es, zu erschwinglichen Preisen, mit geringem Ressourcenverbrauch und auf innovative Art und Weise sozial- und umweltverträgliche Gebäude zu schaffen.
Shah Houses beispielsweise ist nachhaltiger Wohnraum, der in einer indischen Gegend
geschaffen wurde, die mit Wassermangel, Bodenerosion und Bodenauslaugung zu kämpfen hat. 2006 entwarf Anupama Kundoo mit dem Auroville TownHall Complex ein Gebäude, bei dem das Regenwasser über die Dachflächen gesammelt, aufbereitet und schließlich in der Cafeteria ausgeschenkt wird.

Kundoo denkt global und handelt lokal: Sie setzt auf den Bezug zwischen Gebäuden und
Region. Wichtig ist ihr, dass lokale Handwerker und die Bevölkerung am Bauprozess
teilhaben, um Wissen weiterzugeben und neue Gemeinschaften entstehen zu lassen. Denn
nur dann, wenn Bildung und Ausbildung Menschen in die Lage versetzen, selbst Wohnungen zu bauen, kann Architektur in Kundoos Augen soziale Disparitäten überwinden und nachhaltig sein. Kundoo setzte zahlreiche Projekte in Indien um und ließ dabei Bauelemente von lokalen Manufakturen herstellen – zum einen, um deren wirtschaftliches Überleben zu sichern, zum anderen, um die Umweltbelastung zu reduzieren.

Getreu ihrem Motto „mit den Händen denken“ wendet Kundoo viel Zeit für die praktische
Erforschung und Auswahl von Werkstoffen auf, die einen geringen ökologischen Fußabdruck haben. Gerne setzt sie Ferrozement ein, der besonders erschwinglich ist, lokal hergestellt wird und durch Origami-Falttechniken zu äußerst stabilen Gebäuden mit ausgeklügeltem Raumkonzept und geringem Materialaufwand geformt werden kann. Auch Naturmaterialien und recycelten Müll setzt die indische Architektin bei ihren Projekten ein. Kundoos Wohngebäude sind schlicht, funktional und aus einfachsten Modulen zusammengesetzt, aber dennoch ästhetisch ansprechend und individualistisch.

Im Jahre 2014 setzte sie ein Kleidungsgeschäft für die Marke Made in India um, das seine
Artikel in Form einer Ausstellung präsentierte, und erhielt dafür 2015 den NDTV Commercial Interior of the Year. Zudem erhielt sie 1999 und 2003 den indischen Preis „Architektin des Jahres“ sowie 2000 die Auszeichnung „Architektin der Zukunft“ des Indian Architect  Builder Award. 2013 wurde Kundoo für ihr Engagement im Bereich der Nachhaltigkeit eine Sonderauszeichnung im Rahmen des ArcVision International Prize for Women in Architecture verliehen.

Die indische Architektin arbeitet in verschiedenen Kulturkreisen weltweit und hat nach
Lehrtätigkeiten in Deutschland, Australien, England und Spanien derzeit den Lehrstuhl für „Affordable Habitat“ an der Universität Camilo José Cela in Madrid inne. Bereits zweimal wurden ihre Forschungsprojekte bei der Architektur-Biennale in Venedig gezeigt.
Wir freuen uns, die diesjährigen Architekturtage mit einem Vortrag Anupama Kundoos in
Schiltigheim zu eröffnen. Bevor die indische Architektin das Wort ergreift, werden zu Beginn des Eröffnungsabends verschiedene Architekten kurz unterschiedliche Aspekte des Themas „Transitions I Übergänge“ vorstellen. Kundoos englischsprachiger Vortrag wird simultan auf Französisch gedolmetscht. Die Stadt Schiltigheim wird im Programm 2019 eine wichtige Position einnehmen.

Highlight zur Mitte des Festivals
11. Oktober – Zénith de Strasbourg
Kengo Kuma – Japanische Tradition neu und nachhaltig interpretiert
Natur und japanische Tradition im 21. Jahrhundert

„Indem wir diesen Weg einschlagen, kann die Architektur letztlich eins mit der Natur
werden.“ Kengo Kuma

Gebäude, die Leichtigkeit und Offenheit verströmen und zugleich nachhaltig und
modern sind: In seinem architektonischen Schaffen stützt sich Kengo Kuma auf
japanische Traditionen, interpretiert diese im 21. Jahrhundert neu und räumt dabei der
Natur einen entscheidenden Stellenwert in seinen Werken ein. Eine essenzielle Rolle
spielt für ihn die Harmonie zwischen Architektur und menschlichem Körper. Seine
Projekte sind eng verbunden mit den Städten und Orten sowie ihren jeweiligen
Gegebenheiten.

Kengo Kuma wurde 1954 in Japan geboren und studierte in New York und Tokio, wo er seit 2009 als Professor tätig ist. Kumas Architekturbüro hat den Architektenwettbewerb für den Bau der Messe (Parc d’exposition) in Strasbourg für sich entschieden. Diese wird sechs Hektar groß sein und von Oktober 2019 an bis 2021 in der Nähe des Palais des Congrès entstehen. Ebenfalls von Kengo Kuma umgesetzt wurden die Cité des Arts et de la Culture in Besançon sowie der Regionalfonds für zeitgenössische Kunst (FRAC) in Marseille. In Deutschland entwarf er für das Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt ein aufblasbares Teehaus. Auch für die Planung des neuen nationalen Olympiastadions in Tokio, das anlässlich der Olympischen Sommerspiele 2020 gebaut wird, wurde sein Entwurf
ausgewählt. Für die neue Metrolinie im Pariser Umland Grand Paris Express wird er die
Station Saint-Denis-Pleyel konzipieren.

Kengo Kuma spielt mit natürlichem Licht und verwendet Naturmaterialien, die soweit
wie möglich von dem Ort stammen, an dem auch gebaut wird. In seinen Gebäuden
lässt er offene Räume entstehen und sucht dabei unablässig nach Leichtigkeit und
Transparenz. Für ihn sind Materialien dann interessant, wenn sie sich durch die Bewegung des Betrachters oder durch die Veränderung des Lichteinfalls im Tagesverlauf ändern und sich ihre Materie daduch im Raum auflöst. Betongebäude stehen im absoluten Gegensatz zu Kumas gestalterischen Auffassungen. Nach einer Dominanz von Beton, Stahl und Glas in der Architektur des 20. Jahrhunderts sagt er für das 21. Jahrhundert eine Rückkehr zur Natur voraus. Die traditionelle japanische Architektur könne für luftige und organische Formen viele Anregungen geben.

Beim Umbau eines ehemaligen Fabrikgebäudes versah Kuma die Fassade mit Holzplanken und schuf so einen Zwischenraum, in dem er ständig Wasser zirkulieren lässt. Obwohl es sich scheinbar nur um einen leeren Raum handelt, gibt dieser dem Gebäude ein vollkommen neues Gesicht und schafft eine Verbindung, einen Übergang zwischen Innen- und Außenraum.

Mit seiner Agentur Kengo Kuma & Associates verfolgt der japanische Architekt nachhaltige und ressourcenschonende Bauweisen. Naturkatastrophen erinnern laut Kengo Kuma immer wieder daran, dass der Mensch eine gewisse Ehrfurcht vor dem Bauen haben müsse. In seinen Augen muss ein zeitgemäßes Verhältnis und ein Gleichgewicht zwischen
Mensch und Natur noch gefunden werden. Dabei könne Architektur zum Stemmen des
ökologischen Wandels/Übergangs/der Energiewende beitragen. Für das Hiroshige
Ando-Museum erhielt er 2002 den Spirit of Nature Wood Architecture Award. 2016 wurde
Kengo Kuma mit zwei internationalen Preisen für Nachhaltigkeit ausgezeichnet: mit dem
Wood Design Award und dem Global Award for Sustainable Architecture. 1995 und 2000
wurde Kengo Kumas Werk jeweils mit dem Grand Prix Design prämiert.
Am 11. Oktober darf das Europäische Architekturhaus – Oberrhein Kengo Kuma im Zénith
der Stadt Strasbourg zu einem Vortrag zum Thema „Architecture & Nature“ willkommen heißen.

Kuma wird eine Auswahl seiner Projekte präsentieren und dabei seine Vision von
Architektur vorstellen. Der Vortrag in japanischer Sprache wird simultan auf Deutsch und
Französisch gedolmetscht. Musikalisch wird der Abend vom Bläserensemble des INSA
Strasbourg (eine der beiden Architekturhochschulen) begleitet. In einer geselligen
Atmosphäre können die Gäste im Anschluss auch die zahlreichen Partner des Europäischen Architekturhauses – Oberrhein kennenlernen.

Abschlussabend
31. Oktober – Oberrheinhalle Offenburg
Eduardo Souto de Moura – Ich baue immer Mauern
Geborgenheit zwischen Mauern und Innenhöfen

„Ich baue immer Mauern. Es gelingt mir nicht, einfach nur ein Haus zu bauen. Ich brauche ein Zentrum. Es kann ein Stein oder ein Baum sein. Aber es gelingt mir nicht, ein Haus isoliert zu bauen, weil ich immer mit Begrenzungen lebte. Ich weiß nicht, ob es ein Gefühl der Sicherheit oder etwas anderes ist.“ Eduardo Souto de Moura

Ob bei der Umsetzung von Einfamilienhäusern oder beim Bau von Großprojekten wie
Fußballstadien und Staudämmen: Für Eduardo Souto de Moura ist die Mauer das
zentrale Element und der Stein das wichtigste Material. Während er mit Marmor und
Granit natürliche Steine einsetzt, verwendete er auch Beton als künstlichen Stein für
die Umsetzung seiner formellen Konzepte.

Eduardo Souto de Moura wurde 1952 in Porto geboren, wo er auch als Professor an der
Hochschule für bildende Künste arbeitet. 2011 erhielt er den Pritzker-Preis, der im Bereich
der Architektur dem Stellenwert des Nobelpreises gleichkommt. In der Begründung
beschreibt die Jury des bedeutendsten Architekturpreises Souto de Mouras Stil als
monumental, draufgängerisch und doch zugleich feinfühlig. 2013 erhielt Eduardo Souto de Moura den Wolf-Preis, von dem jährlich fünf Exemplare für Verdienste zum Wohle der
Menschheit vergeben werden.
Souto de Mouras Bauten bestechen durch ihren schlichten und nüchternen Stil.
Neben der Einfachheit sucht der portugiesische Architekt nach einer Reduzierung der

Formensprache und interpretiert dabei Traditionen der regionalen Baukultur Portugals
auf moderne Weise. Das historische Erbe ist für ihn eine wichtige Information, die die
Zukunft weist und die es somit zu erhalten gilt. Er sieht sich in der Tradition des
Modernismus und des deutschen Bauhausarchitekten Mies van der Rohe.

In seiner architektonischen Tätigkeit beschäftigt er sich viel mit dem sinnvollen Einsatz von Wandöffnungen, also Fenstern und Türen. Im Laufe seiner Schaffensphase ging er immer mehr dazu über, die Fensterflächen zu reduzieren und näherte sich so stärker den
regionalen und klassischen Hausformen an. Zentral in Eduardo Souto de Mouras Werk ist
die Idee der Behaglichkeit. Besonders gerne baut der Pritzker-Preisträger Häuser mit
Innenhöfen. Innenhöfe sind Häuser ohne Dach und dienen als Filter und Übergang
zwischen privatem und öffentlichem Raum. Diese Auffassung passt perfekt zum
diesjährigen Thema der Architekturtage „Übergänge“.

Anlässlich der Fußballeuropameisterschaft 2004 entwarf Eduardo Souto de Moura das
Fußballstadion von Braga in Portugal, welches ihm große Bekanntheit einbrachte. Das
Bauwerk, das halb in den Fels gesetzt ist, hat er mit einem Dach ausgestattet, das die
Versorgung des Rasens durch natürliches Licht ermöglicht. Zu seinen bekanntesten Bauten zählen ebenfalls das Kinohaus für den Filmemacher Manoel de Oliveira sowie das Museum Paula Rêgo, in dem Werke der gleichnamigen Künstlerin ausgestellt werden.

Letzteres wirkt durch seine nahezu fensterlose Fassade und seinen pyramidenartigen Aufbau sehr monumental. Noch dieses Jahr wird der von ihm entworfene Neubau für die Scène nationale von Clermont-Ferrand fertiggestellt werden. Trotz seiner Großaufträge plant Eduardo Souto de Moura auch weiterhin Einfamilienhäuser, die ihn zu Beginn seiner Laufbahn bekannt machten. Denn für ihn ist Architektur in erster Linie gestalterische Arbeit für Menschen und die Geschichte der Häuser macht in seinen Augen die Geschichte der Architektur aus.

In seinem Schaffen reagiert Eduardo Souto de Moura auch auf Krisensituationen. So sah er nach dem Sturz der portugiesischen Diktatur in der Architektur eine Chance, ein neues Land aufzubauen. Auch als Reaktion auf die Eurokrise, die Portugal schwer traf, müsse eine neue Art des Bauens gefunden werden, so der Pritzker-Preisträger.
Der Abschlussabend der Architekturtage am 31. Oktober mit einem Vortrag des
portugiesischen Architekten Eduardo Souto de Moura wird in der Oberrheinhalle Offenburg stattfinden. Der Pritzker-Preisträger (2011) wird auf Französisch sprechen und simultan auf Deutsch gedolmetscht werden. Der Abend, der musikalisch von Studenten der ENSAS Strasbourg (eine der beiden Architekturhochschulen) gestaltet wird, bietet einen feierlichen Abschluss der Architekturtage.